The female voice has always been a projection screen for sexist expectations, the conscious and unconscious reproduction of which British pop researcher Helen Reddington aptly describes as ‘gender ventriloquism’ (the ventriloquism of gender stereotypes). Even in the 21st century, half a century after Nico, breaking these expectations – despite all the empowerment posturing – is still a conspicuous gesture.

As in the case of the 21-year-old Viennese Edna Million, who is studying in Berlin. Her deep, dark vocals, denying any hint of emphasis, are embedded on the brittle base of her semi-acoustic guitar, which sounds like two, because the string sound picked up via the microphone complements the warm sound of the pickup and amplifier. The result is a haunting intimacy that gives the narrative details of Million’s stoically recited stories plenty of room to resonate.

Die weibliche Stimme ist seit jeher eine Projektionsfläche sexistischer Erwartungen, deren bewusste und unbewusste Reproduktion die britische Pop-Forscherin Helen Reddingtontreffend als „gender ventriloquism“ (die Bauchrednerei der Gender-Stereotypen) bezeichnet. Auch im 21. Jahrhundert, ein halbes Jahrhundert nach Nico, ist der Bruch dieser Erwartungen – ungeachtet aller Empowerment-Posen – immer noch eine auffällige Geste.

Wie etwa im Fall der 21-jährigen, in Berlin studierenden Wienerin Edna Million. Deren tiefer, jeden Anflug von Emphase verweigernder, dunkler Gesang bettet sich auf der spröden Unterlage ihrer mit lockerer Hand angeschlagenen Halbakustischen, die klingt wie zwei, weil der übers Mikro aufgeschnappte Saitenklang sich mit dem warmen Sound von Pickup und Verstärker ergänzt. So entsteht eine eindringliche Intimität, die den narrativen Details der von Million stoisch vorgetragenen Geschichten reichlich Raum zum Nachschwingen lässt. 

Da ist das beruhigende Scheppern der Münzen in der Jackentasche, als die Erzählerin sich in der falschen Bar wiederfindet: „I sit down and stay a stranger / This place and I don’t seem to get along / Drinks with names like the movies / But it all feels so wrong, it all feels so wrong.“ Andererseits zeigt sie auch keine Lust, sich von ihrer Umgebung einschüchtern zu lassen: „I don’t wanna kick the bucket / Without having all the fun“ („Rattling Coins“). Da ist eine Ballade von den bellenden Hunden, die sehr wohl beißen („Barking Dogs“) und eine über Männer, die sich in U-Bahn-Stationen rasieren („Men Shaving Beards in Subway Stations“), alles natürlich schwer allegorisch. 

Man kann in den Wald schreien, singt Edna Million, aber er schreit nie zurück, und der knochentrocken abgelieferte Witz daran ist, dass Edna Million natürlich nie im Leben schreien würde. Zumindest nicht in ihren Songs.

Angenehm unabhängig hat sich Edna Million bereits auf ihrem mit Vorschusslorbeeren bedachten Debütalbum präsentiert: düster-sonores Timbre, minimalistische Instrumentierung, existenzialistische Lyrik, mehr gesprochen als gesungen. Die 23 Jahre junge Österreicherin, die nebenbei in Göteborg historische Linguistik studiert, ist vom hippen Stadion-Pop der jüngsten Generation so weit weg wie Wien von Stockholm. Mindestens. Hier regnet kein Konfetti von der Decke, es gibt auch keine quietschige Girly-Ästhetik und um Liebe geht es allenfalls in Sepia, vernebelt von Kippenqualm.Edna Million zelebriert nach innen und verweist mit ihrem diesjährigen Debüt „The Pool” inspirativ auf Patti Smith statt Taylor Swift, auf PJ Harvey statt Billie Eilish. Begleitet von einer halbakustischen Cinematografie des Liedes bewegt sie sich auf Kollisionskurs mit dem Boden der Realität, wie wir ihn wahrnehmen können – wenn wir denn zuhören. So sprudelt ihre ureigene Stilsprache vielleicht nicht vor Freude über, zeigt aber etwas viel Wertvolleres: Wahrhaftigkeit und Leidenschaft für das eigene Erschaffen.

Es gibt ein Lied von Tom Waits, das heißt „Jockey full of Bourbon“. Die erste Strophe geht so:

Edna Million in a drop-dead suit
Dutch Pink on a downtown train
Two-dollar pistol but the gun won’t shoot
I’m in the corner on the pouring rain

Starke Bilder, traurige Bilder und ein jemand, von der wir bisher schon, aber jetzt immer lauter hören werden: Edna Million. Edna Million borgt eben gern Namen und Inspiration bei oben 
Genanntem, lebt, schreibt und studiert in Berlin und ist aktuell immer wieder mal daheim, in Wien. So auch am 30. Juli, das ist der Popfest-Sonntag, der letzte Festivaltag, der Kirchentag, und Edna Million wird um 21 Uhr all eure Gedanken dazu zerlegen, was ihr je über arge Stimmen, arge Texte und gute Gitarrengeschichten gehört habt. Vergangenen Freitag ist sie schon im Bruno-Kreisky-Park im 5. Wiener Gemeindebezirk aufgetreten und hatte da sogar schon auch ein neues Lied dabei.

Wir dürfen uns drauf einstellen, dass sie bei ihrem Set am Popfest hauptsächlich die Songs ihrer im November veröffentlichten, ersten EP spielen wird, zu finden beim Streaming-Anbieter eures Vertrauens (weil weder auf Bandcamp noch Youtube, das ist alles super schön geheimnisvoll), ihr werdet euch nicht satthören. Tom und Patti, dabei ist Edna Million erst 21 Jahre alt, das wird schon wieder eine sehr gute Geschichte von Aufstieg, Erfolg und Zuspruch. Liebe und Angst gehören zusammen, das ist eine Idee, die man nach dem Hören von Edna Millions Liedern hat, aber auch: So macht man zwischen den Zeilen große Bekenntnisse.

Heißt sie wirklich Edna Million? Wir wissen es nicht. Wir wissen, dass sie 21 Jahre alt ist, aus Wien kommt, derzeit in Berlin studiert und Songs mit Titeln wie „BarkingDogs“ oder „Men Shaving Beards in Subway Stations“ singt.

Edna Million: »Actress Out Of Line«. In der Flut von mädchenhaften und fröhlichen – oder auf mädchenhaft und fröhlich getrimmten – Frauenstimmen tut es gut, eine junge Sängerin zu hören, die so gar nicht „girly“ klingt, wohl auch nicht so klingen will. Sondern mit tiefer, cooler Stimme ein nachdenkliches Szenario aufbaut, das überall spielen könnte, wie sie in der ersten Zeile („Anywhere is every-where“) andeutet. Im überfüllten Bus, auf endlosen Stränden und ebensolchen Straßen, in einem Hotel in der Wüste, im Café an der Ecke. Beseelte Landschaften, die manche an die Amerikabilder von Edward Hopper erinnern mögen, die man aber auch in Wien (oder Berlin) & Umgebung finden kann, wenn man sie in sich trägt. Das tut Edna Million, verschluckt lässig manche Silbe, reißt die Gitarre in jeder zweiten Strophe heftig an, erspäht schließlich „a raging poet“ und „an actress out of line“, eine Schauspielerin, die aus der Reihe tanzt. Ein Selbstbild? Passen tät‘s.

Diese Stimme! Dieses Timbre!! Dieser Ausdruck!!! Die Wienerin war zum Studium nach Berlin gezogen – dort nahm sie als Edna Million ihre erste EP auf. Ein Stück, „The Panther Walks In Circles“, schaffte es Anfang ´23 in die Top Traxx von Zündfunk + Nachtmix/Bayern2. Zusammen mit „Rattling Coins“, das auch auf der Edna Million-EP rauskam, ist es auch auf dem Debüt zu hören. Es ist äusserst sparsam instrumentiert – meist nur mit Akustik-Gitarre – so bleibt genug Raum für den brüchig-spröden Gesang. Der gibt einem das, was unser Kollege Thomas Kollege schon Ende 2022 beim ersten Hören bekam: Gänsehaut. 

Edna ist inzwischen weitergezogen in das Land, in dem ihre Grossmutter ein Hotel betrieb – „She Used To Run A Hotel“ heisst der Song dazu. Sie wohnt inzwischen in Göteborg. Der Name „Edna“ ist keine Anspielung an Schweden, er stammt aus einem Tom Waits-Lied – von seinem berühmten „Rain Dogs“-Album: „Jockey Full Of Bourbon“ („ Edna Million in a dropdead suit“/„ Edna Million einem todschicken Anzug“). Wie sagt es FM4-Kollege Robert Rotifer so passend: „Das androgyne Timbre ihrer dunklen Stimme bricht radikal mit Gender-Erwartungen, ohne dabei je die Ruhe zu verlieren.“ 

Produziert wurde die Platte von Klangkünstler Kalle Laar, der zwischen München und Wien pendelt. Er hatte zuvor schon Ernst Molden produziert, der hier beim Titelsong zweite Gitarre spielt. Er arbeitet das heraus, was sie hat bzw ist: the voice of wonder, the wonder of voice!

Für zeitgenössische Popmusik war Edna Million früh verloren. Schuld ist David Bowie, den sie mit 13 zum ersten Mal bewusst gehört hat. Von da ging es weiter zur Rock-Poetin Patti Smith, die ihr in der Pubertät ungleich mehr zu sagen hatte als Taylor Swift. Sie studierte nicht nur die Platten der „Godmother of Punk*, sondern las auch alle ihre Bücher. Edna Millions tiefe, dunkle Stimme ist das Alleinstellungsmerkmal der in Wien aufgewachsenen Sängerin, die heuer ihr erstes Album mit Songs in englischer Sprache vorgelegt hat. Sie deklamiert ihre Texte mehr, als sie zu singen; zur Begleitung genügt ihr eine halbakustische Gitarre. Das ist auf die Essenz reduzierte Songkunst von einer erstaunlichen Reife.

Im Video zu „The Pool” von Edna Million ist alles schwarz-weiß. Schwarze Hose, schwarzes T-Shirt, schwarzes Haar. Ein einziger Lichtkegel. Weißer Heizkörper, weiße Tapete, weiße Tür. Dazwischen

sieht man eine durchsichtige Plane, sie bewegt sich im Wind, flattert auf und ab, schlägt zeitweise Wellen wie wildes Wasser. Edna Millions Eröffnungssong „The Pool” heißt nicht nur wie ein Schwimmbad, er wirkt auch ein bisschen wie eines. Tief und dunkel, klar und ehrlich. Ob man will oder nicht, er zieht einen mit, lässt einen untertauchen, abschalten.

„I made something out of nothing / Like a song I sang for you”, lautet da eine Zeile. ,,I made nothing out of something / By painting it all blue.” Und das stimmt. Edna Million braucht wirklich nicht viel, um „something” zu erschaffen, um alles „blau anzustreichen” und einen in ihren Swimmingpool zu stoßen. Es reichen ihre halbakustische Gitarre, ein gut geschriebener Songtext und der androgyne Klang ihrer dunklen Stimme. Um die geht es auch fast immer als Erstes, wenn Medien über sie berichten. Mit ihr trifft Edna Million offenbar einen besonderen Nerv. Dazu kommt die Art, wie sie Kunst versteht und musiziert. All das macht sie zu einem willkommenen, wahrscheinlich sogar bitter notwendigen Gegenmodell. Zu einem sicheren Hafen abseits von Überfluss und lauten, redundanten Musikcharts.

Edna Million gelingt dies mit bewundernswerter Leichtigkeit. Ihr Debüt ist so unverhohlen und natürlich wie ein Wildfluss – und genauso mitreißend.

Eine besondere Show findet dann auch gleich am zweiten Waves Vienna 2024 Festivaltag zur frühen Stunde im Chelsea statt: Edna Million ist nicht nur Musikerin, vor allem ist sie Geschichtenerzählerin. Wie sie da so sitzt auf einem hohen Barhocker, Blues-Gitarre in der Hand, gestreift und betucht und von ihrer Großmutter in Nordschweden erzählt, die ein Hotel mitten im Nirgendwo geführt hat und dort immer wieder Musiker:innen von weither zufällig versammelt hat. 

Die besten Geschichten passieren den Menschen, die sie gut erzählen können (frei nach dem US-amerikanischen Radiomacher Ira Glass) und vielleicht hat da die schwedische Omi was weitergegeben an ihre Enkelin. Edna Million jedenfalls braucht nicht viel, ihre unique Stimme halt und ein bisschen Gitarrenminimalismus, ein paar gute Zeilen und schon sind ihr die Menschen im Publikum verfallen. Und das, obwohl draußen noch die Sonne scheint und das Thermometer knapp unter 30 Grad anzeigt.

“Curiosity was never on a leash” singt Edna Million wohlwissend in ihrem Song “Barking Dogs” und das trifft auch jedes Jahr wieder aufs Waves Vienna zu. Ohne ordentliche Portion Neugierde kann es ansonsten schon langatmig werden nach drei vollen Festivaltagen, nach mehr als 100 Acts, nach unzähligen Schritten zwischen dem nördlichsten und dem südlichsten Gürtellokal.

Das Debütalbum der Wiener Newcomerin Edna Million ist da: 10 dunkel-folkige, atmosphärische Songs, streng minimalistisch zusammengesetzt rein aus sonorer Stimme und Gitarre. Rote Lippen, Streifenshirt, geknüpftes Halstuch: so sieht Ida Turek aus, wenn sie sich in Edna Million verwandelt. Die junge Wienerin weiß von der Authentizität der Pose und der Banalität des Wahrhaftigen. Popmusik als Spiel mit Rollen und Realitäten, Edna Million hat es verstanden. Sie schreibt ihre Musik aus der Außenseiterperspektive, als Zugezogene in Berlin, als versteckte Beobachterin der Welt. Auch die exponierte Position als Solokünstlerin, also als alleinige Aufmerksamkeitsempfängerin auf der Bühne, ändert daran nichts: „Die Bühne ist ja auch eine Art Wand“, sagt sie darauf im Interview nach einer Nachdenkpause. Auch beim Interview um den Hals dabei: geknüpftes Halstuch, dazu rote Lippen, Streifenshirt. Edna Million in a drop dead suit.

Auch dadurch, dass sie lieber auf Englisch schreibt als in ihren beiden Muttersprachen Deutsch und Schwedisch, baut sie eine zusätzliche Tür zwischen Gemeintem und Gesagtem ein. Aus dieser sicheren Distanz entstehen dann cinematographische, dunkle Lieder. An deren Beginn steht immer ein Bild, zum Beispiel eine Szene aus der Großstadt. Im Licht einer Laterne stellt sich das Setting sepiafarben dar, dahinter geht vermutlich bald die Tür zu einer Bar auf.

Es sitzen darin: A raging poet und eine actress out of line, des Weiteren Tom Waits, aus dessen Song „Jockey full of Bourbon“ sich Ida Turek ihren Artistnamen ausgeborgt hat, sowie die Punk-Dichterinnen Patti Smith und PJ Harvey, die zu den erklärten Heldinnen der jungen Musikerin gehören. Mit ihnen hat sie die Präzision beim Texteschreiben ebenso gemein wie die künstlerische Unbeugsamkeit. Edna Millions Songs beziehen ihren Zauber nämlich aus dem unbedingten Minimalismus aus Gitarre und Stimme.

Und was für eine Stimme das ist. Sie ist tief, natürlich, aber sie ist vor allem unaufgeregt und erzählt ihre Geschichten mit entspannter Ernsthaftigkeit. „Ich selbst trage dazu eigentlich nur insofern bei, als ich sie nicht verändere“, meint Edna Million dazu im Gespräch. “Ich versuche nicht, höher oder „schöner” zu singen, ich lasse sie einfach machen.“

An dieser nonchalanten Coolness konnte auch der Wirbelwind der letzten eineinhalb Jahre nicht rütteln: Ihre ersten 4 Songs hat Edna Million im Herbst 2022 im Eigenverlag hochgeladen, ein paar Klicks gesammelt und sich zum Geheimtipp entwickelt. Es folgten in wenigen Monaten: ein Gig beim Popfest in der Karlskirche, dann noch einer im Wiener Konzerthaus, ein Labelvertrag beim Label Medienmanufaktur, wo beispielsweise auch Der Nino aus Wien releast. Ernst Molden, ebenfalls ein Vorbild der jungen Musikerin, steuert auf einzelnen Albumsongs schüchterne Gitarrenspuren bei.

„The Pool“, das Debütalbum von Edna Million, ist ein Sammelbecken aus Geschichten, verschwommenen Erinnerungen, Momentaufnahmen aus durchgemachten Nächten. Diese Erinnerungen sind für jede:n anders, daher lässt die Künstlerin lieber musikalisch den größtmöglichen Raum für Interpretation. Jede zusätzliche Spur, etwa ein Beat oder Bass würde, so meint sie, die Stimmung zu sehr vorgeben. Eine Kamera bildet die Wirklichkeit auch nie in ihrer Gesamtheit ab. Durch ihren Blick entsteht vielmehr eine eigene Welt.