Eine besondere Show findet dann auch gleich am zweiten Waves Vienna 2024 Festivaltag zur frühen Stunde im Chelsea statt: Edna Million ist nicht nur Musikerin, vor allem ist sie Geschichtenerzählerin. Wie sie da so sitzt auf einem hohen Barhocker, Blues-Gitarre in der Hand, gestreift und betucht und von ihrer Großmutter in Nordschweden erzählt, die ein Hotel mitten im Nirgendwo geführt hat und dort immer wieder Musiker:innen von weither zufällig versammelt hat. 

Die besten Geschichten passieren den Menschen, die sie gut erzählen können (frei nach dem US-amerikanischen Radiomacher Ira Glass) und vielleicht hat da die schwedische Omi was weitergegeben an ihre Enkelin. Edna Million jedenfalls braucht nicht viel, ihre unique Stimme halt und ein bisschen Gitarrenminimalismus, ein paar gute Zeilen und schon sind ihr die Menschen im Publikum verfallen. Und das, obwohl draußen noch die Sonne scheint und das Thermometer knapp unter 30 Grad anzeigt.

“Curiosity was never on a leash” singt Edna Million wohlwissend in ihrem Song “Barking Dogs” und das trifft auch jedes Jahr wieder aufs Waves Vienna zu. Ohne ordentliche Portion Neugierde kann es ansonsten schon langatmig werden nach drei vollen Festivaltagen, nach mehr als 100 Acts, nach unzähligen Schritten zwischen dem nördlichsten und dem südlichsten Gürtellokal.

Das Debütalbum der Wiener Newcomerin Edna Million ist da: 10 dunkel-folkige, atmosphärische Songs, streng minimalistisch zusammengesetzt rein aus sonorer Stimme und Gitarre. Rote Lippen, Streifenshirt, geknüpftes Halstuch: so sieht Ida Turek aus, wenn sie sich in Edna Million verwandelt. Die junge Wienerin weiß von der Authentizität der Pose und der Banalität des Wahrhaftigen. Popmusik als Spiel mit Rollen und Realitäten, Edna Million hat es verstanden. Sie schreibt ihre Musik aus der Außenseiterperspektive, als Zugezogene in Berlin, als versteckte Beobachterin der Welt. Auch die exponierte Position als Solokünstlerin, also als alleinige Aufmerksamkeitsempfängerin auf der Bühne, ändert daran nichts: „Die Bühne ist ja auch eine Art Wand“, sagt sie darauf im Interview nach einer Nachdenkpause. Auch beim Interview um den Hals dabei: geknüpftes Halstuch, dazu rote Lippen, Streifenshirt. Edna Million in a drop dead suit.

Auch dadurch, dass sie lieber auf Englisch schreibt als in ihren beiden Muttersprachen Deutsch und Schwedisch, baut sie eine zusätzliche Tür zwischen Gemeintem und Gesagtem ein. Aus dieser sicheren Distanz entstehen dann cinematographische, dunkle Lieder. An deren Beginn steht immer ein Bild, zum Beispiel eine Szene aus der Großstadt. Im Licht einer Laterne stellt sich das Setting sepiafarben dar, dahinter geht vermutlich bald die Tür zu einer Bar auf.

Es sitzen darin: A raging poet und eine actress out of line, des Weiteren Tom Waits, aus dessen Song „Jockey full of Bourbon“ sich Ida Turek ihren Artistnamen ausgeborgt hat, sowie die Punk-Dichterinnen Patti Smith und PJ Harvey, die zu den erklärten Heldinnen der jungen Musikerin gehören. Mit ihnen hat sie die Präzision beim Texteschreiben ebenso gemein wie die künstlerische Unbeugsamkeit. Edna Millions Songs beziehen ihren Zauber nämlich aus dem unbedingten Minimalismus aus Gitarre und Stimme.

Und was für eine Stimme das ist. Sie ist tief, natürlich, aber sie ist vor allem unaufgeregt und erzählt ihre Geschichten mit entspannter Ernsthaftigkeit. „Ich selbst trage dazu eigentlich nur insofern bei, als ich sie nicht verändere“, meint Edna Million dazu im Gespräch. “Ich versuche nicht, höher oder „schöner” zu singen, ich lasse sie einfach machen.“

An dieser nonchalanten Coolness konnte auch der Wirbelwind der letzten eineinhalb Jahre nicht rütteln: Ihre ersten 4 Songs hat Edna Million im Herbst 2022 im Eigenverlag hochgeladen, ein paar Klicks gesammelt und sich zum Geheimtipp entwickelt. Es folgten in wenigen Monaten: ein Gig beim Popfest in der Karlskirche, dann noch einer im Wiener Konzerthaus, ein Labelvertrag beim Label Medienmanufaktur, wo beispielsweise auch Der Nino aus Wien releast. Ernst Molden, ebenfalls ein Vorbild der jungen Musikerin, steuert auf einzelnen Albumsongs schüchterne Gitarrenspuren bei.

„The Pool“, das Debütalbum von Edna Million, ist ein Sammelbecken aus Geschichten, verschwommenen Erinnerungen, Momentaufnahmen aus durchgemachten Nächten. Diese Erinnerungen sind für jede:n anders, daher lässt die Künstlerin lieber musikalisch den größtmöglichen Raum für Interpretation. Jede zusätzliche Spur, etwa ein Beat oder Bass würde, so meint sie, die Stimmung zu sehr vorgeben. Eine Kamera bildet die Wirklichkeit auch nie in ihrer Gesamtheit ab. Durch ihren Blick entsteht vielmehr eine eigene Welt.

Derzeit noch ein absoluter Geheimtipp, darf man davon ausgehen, dass die markante Alt-Stimme der jungen Wienerin Edna Million schon bald ein immer größeres Publikum erreichen wird. Ihr dunkles Songwritertum mit brüchigen Folk-Einflüssen bezieht seine Inspiration von Acts wie Patti Smith und Tom Waits, aus dessen Song „Jockey Full of Bourbon“ sich Edna Million auch ihren Artist Namen ausgeborgt hat. Wo androgyne Stimm-Verwandte wie hierzulande Anna Wallner mit ihrer Familienband Wallners in Piano-Dream-Pop-Gefilden wandelt oder Haley Fohr aka Circuit des Yeux jenseits des Atlantiks in Richtung orchestralen Avantgarde-Pop neigt, bleibt Edna Million vorerst noch minimalistisch und betont eckig und kantig. Derzeit sieht man die 21-jährige Studentin vornehmlich in ihrer Studienstadt Berlin mit ihrer Gitarre auf Open Stages auftreten; für 2023 warten nach ihrer selbst betitelten Debüt-EP, die im letzten November erschienen ist, bereits zahlreiche weitere Songs in der Schublade.

„Für mich war es immer wichtig, dass die Musik Platz hat, ruhig und nachhaltig ist.“
Wer ihr aktuelles Album „The Pool“ hört, weiß schnell, hier agiert eine junge Frau, die sich ruhig und intensiv Gehör verschafft. Sie drängt sich nicht vor, auch wenn ihre Stimme so prägnant ist, sondern will den Fokus auf die Geschichten lenken, die sie erzählt.

Die Natürlichkeit ihrer gesungenen Erzählungen nähren den Eindruck, als könnte sie sich von allen Gedanken befreien, ob ihre Musik überhaupt in die immer hektischer und aufgeregter werdende Welt passt. „Ich überlege trotzdem immer wieder“, sagt Edna Million, „und es wäre eine Lüge, würde ich sagen, dass mir das alles egal ist.“ Sie will weiterkommen, vielleicht von der Musik leben. Authentisch muss es sein.

Die größte Inspiration beim Schreiben sind für die Wienerin, die halb Schwedin ist, Orte. Davon hat sie in den vergangenen Jahren viele gesehen. „Ich bin oft umgezogen, habe in Berlin studiert, ein Erasmus-Studium in Schweden gemacht, und jetzt bin ich wieder in Wien.“ Die Inspiration kommt übrigens vom Fremdsein in einer Stadt, die man erst kennenlernen muss.

Die Melancholie ihrer Songs, die aber nie pessimistisch klingen, passt zu ihrem Naturell. Sie mag melancholische Stimmung. Dass Musik ihr Leben sein könnte, das hat sie schon immer gewusst. Konkret ist es aber erst seit fünf Jahren, als sie Patti Smith für sich entdeckte und auf die Gitarre kam. „The Pool“ macht hörbar, was Erweckungserlebnisse auslösen können. Ihren Namen hat sie sich aus dem Song „Jockey Full of Bourbon“ von Tom Waits geholt. In einer Zeile des Songs heißt es „Edna Million in a drop dead suit“ –„das hat mich sehr angesprochen“.

Im heurigen Sommer ist sie viel unterwegs und hofft darauf, auch außerhalb des deutschsprachigen Raumes Konzerte spielen zu können. Ihre Songs sind von grenzenloser Güte. „Es ist wie eine Kamera, die nach außen gerichtet ist, aber in den Erzählungen sehr viel von meinem Innenleben verrät.“

Am Beginn ihrer Karriere steht Edna Million. Die 20-jährige Singer-Songwriterin wurde von FM4-Kollegin Katharina Seidler fürs Radio entdeckt. Vorerst gibt es eine selbstbetitelte EP im Eigenverlag, ein Album ist in Arbeit. Ihre dunkle, tiefe, im besten Sinne reife Stimme wird man sich merken müssen. Ihre englischsprachigen Songtexte sind ausgefeilt. Dabei geht sie nicht von eigenen Befindlichkeiten aus, sondern möchte Charaktere zeichnen und Geschichten erzählen.

Dieses Interesse fundiert sie auch wissenschaftlich, derzeit studiert sie in Berlin Historische Linguistik. Den Namen Edna Million hat sie dem Song Jockey Full Of Bourbon ihres Vorbilds Tom Waits entlehnt.

Ihre besondere Stimme hat zu Schulzeiten nicht immer freundliche Reaktionen der MitschülerInnen ausgelöst, etwa wenn sie im Chor bei den tiefen Stimmen mitgesungen hat.

Dass sie mit diesem besonderen Timbre etwas musikalisch Großes anfangen möchte, war ihr immer klar, dafür hat sie auch ein Jahr Gesangsunterricht genommen, um die eigene Gesangsstimme besser einsetzen zu können. Ihr Gitarrespiel dient nur als Mittel zum Zweck, der Ausdruck liegt in der singulären Stimme.