Eine der schönsten Stimmen Wiens gehört einer Songwriterin, deren Name aus einem Lied von Tom Waits stammt. Ihr Debüt- Album „The Pool“: hochgelobt. Das zweite folgt 2026.

Welchen Traum hast du?
Mit meiner Musik um die ganze Welt zu touren. Und wenn ich alt genug bin, vielleicht irgendwann mal Bürgermeisterin zu werden.

Ein kluger Satz, der von dir ist?
Der stammt aus meinem Song „The Pool“: „I made something out of nothing … I made nothing out of something.“ Ich mag die Gegenüberstellung. So ist es im Leben – mal so, mal so.

Ein kluger Satz, der nicht von dir ist?
„Hope is optimism with a broken heart.“ – Nick Cave

Wer inspiriert dich?
Leute, die etwas mit Herz machen. Ich finde es beeindruckend, wenn jemand für etwas brennt und dem sein Leben widmet.

Was darf in deinem Kühlschrank nicht fehlen?
Joghurt.

Dein schönster Konzertmoment?
Als ich Cat Power in Berlin supporten durfte.

Deine größte Schwäche?
Ich bin ein bisschen eine Diva. Man sagt mir immer, ich reise mit viel zu viel Gepäck, wie eine Kaiserin.

Was motiviert dich?
Gutes Wetter. Und die Nacht.

Was macht dir Freude?
Fingerskateboard fahren.

Deine Wohlfühlstadt?
Die Stadt, die für mich immer schon etwas Magisches hatte und ein Sehnsuchtsort ist: Stockholm.

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Mit den knappsten Mitteln das allermeiste zu sagen, das ist die Essenz des Songwriting. Und genau darin erweist sich Edna Million schon auf ihrem Debüt-Album „The Pool“ als echte Meisterin.

„I made something out of nothing / Like a song I sang for you“, singt sie in dessen Eröffnungs- und Titelsong, „I made nothing out of something / By painting it all blue“

Edna Million vollzieht hier einen sonst nur von ausgebufften Veteranen wie Leonard Cohen beherrschten Trick. Ihr Lied legt die eigene Erschaffung offen und mystifiziert sie zugleich. Es wirft die Frage auf, „Wer ist Edna Million?“, und beantwortet sie bloß in weiteren Rätseln. Das androgyne Timbre ihrer dunklen Stimme bricht radikal mit Gender-Erwartungen, ohne dabei je die Ruhe zu verlieren.

Die Songs der Edna Million kommen von einem Ort des Alleinseins. „A place so strange“ bzw. „A Room That’s Not My Own“, um es mit zwei ihrer Songtitel zu sagen. Dieses Irgendwo im Anderswo kann ein Flughafen sein, das „café on the corner“ aus „Actress out of Line“. Es kann die befremdliche Bar aus „Rattling Coins“ sein oder die Welt der Fremdenzimmer in „She Used to Run a Hotel“, einem Lied inspiriert von der Stiefgroßmutter der realen Frau hinter der semifiktiven Persona Edna Million. Jene betrieb tatsächlich ein Hotel in Skellefteå, Nordschweden. Es existiert längst nicht mehr, aber wir sehen es ganz klar vor uns. In der von Millions Mollakkorden und ihrem lakonischen Gesang verströmten, cinematographischen Atmosphäre. Nicht zuletzt auch in den Abständen zwischen den Tönen. So klingt die Wehmut nach einer Zeit, die es nie gab. Nach imaginierten Räumen aus Filmen, die man gesehen (Bergman, Kaurismäki…) und Bildern, die man sich bloß erträumt hat: „And I was left there dreaming / About a time I’ve never seen / When all these things had meaning / And the water was still green.“

Edna Millions derzeitige Wahlheimat liegt übrigens in Göteborg, Schweden. Sie kam irgendwann aus Wien, ihre Songs aber nie. „Kein einziges Lied ist in Wien entstanden“, stellt sie klar, „Ich hab’s auch schon oft versucht, aber es funktioniert einfach nicht.“ Ihre 2022 erschienene, erste EP hatte sie in ihrer damaligen Wohnung in Berlin aufgenommen. Der charakteristische Zusammenklang zwischen der Resonanz ihrer semi-akustischen Gitarre und dem Sound ihres Verstärkers war damals noch ein Zufallsprodukt der einfachen Produktionsverhältnisse. Diesmal, im analogen Studio von Tom Pronai, gelegen in der passend kargen Landschaft des Ostburgenlands, repräsentiert er eine bewusste ästhetische Entscheidung: Mit den knappsten Mitteln das allermeiste zu sagen. Eben.

Angespornt vom expressiven Händeringen des Produzenten Kalle Laar, werden auch drei Songs aus der EP hier neu interpretiert bzw. „daran angepasst, wie es sich jetzt anfühlt“. Darunter „Barking Dogs“, dessen Text ein wichtiges Element der Songs von Edna Million veranschaulicht: Die Verwendung des Englischen als „kurzer Filter, wo man einen Moment drüber nachdenkt, wie man etwas sagt.“ Wer Zeilen wie „barking dogs do bite“, „the fist must fit the eye“ oder „Shout into the woods / But the woods never shout back“ ins Deutsche rückübersetzt, stößt auf Antithesen zu deutschen bzw. Wienerischen Redensarten.

Analog dazu nennt Million unter ihren musikalischen Leitbildern Patti Smith, Tom Waits, PJ Harvey, aber auch den Wiener Ernst Molden. Der wiederum gibt auf „The Pool“ als Gast an der zweiten Gitarre nicht einfach „den Molden“. Er wandelt sich vielmehr in bedacht eingestreuten Tönen zu einer Figur in der Welt der Edna Million. Jener jungen Songwriterin, die genau weiß, was sie wie erzählen will. „Play it as it lays“, schmucklos. aber kraftvoll. So wie dieser Sog, der einen tiefer zieht. Tiefer hinein in Edna Millions Pool.

„Für mich war es immer wichtig, dass die Musik Platz hat, ruhig und nachhaltig ist.“
Wer ihr aktuelles Album „The Pool“ hört, weiß schnell, hier agiert eine junge Frau, die sich ruhig und intensiv Gehör verschafft. Sie drängt sich nicht vor, auch wenn ihre Stimme so prägnant ist, sondern will den Fokus auf die Geschichten lenken, die sie erzählt.

Die Natürlichkeit ihrer gesungenen Erzählungen nähren den Eindruck, als könnte sie sich von allen Gedanken befreien, ob ihre Musik überhaupt in die immer hektischer und aufgeregter werdende Welt passt. „Ich überlege trotzdem immer wieder“, sagt Edna Million, „und es wäre eine Lüge, würde ich sagen, dass mir das alles egal ist.“ Sie will weiterkommen, vielleicht von der Musik leben. Authentisch muss es sein.

Die größte Inspiration beim Schreiben sind für die Wienerin, die halb Schwedin ist, Orte. Davon hat sie in den vergangenen Jahren viele gesehen. „Ich bin oft umgezogen, habe in Berlin studiert, ein Erasmus-Studium in Schweden gemacht, und jetzt bin ich wieder in Wien.“ Die Inspiration kommt übrigens vom Fremdsein in einer Stadt, die man erst kennenlernen muss.

Die Melancholie ihrer Songs, die aber nie pessimistisch klingen, passt zu ihrem Naturell. Sie mag melancholische Stimmung. Dass Musik ihr Leben sein könnte, das hat sie schon immer gewusst. Konkret ist es aber erst seit fünf Jahren, als sie Patti Smith für sich entdeckte und auf die Gitarre kam. „The Pool“ macht hörbar, was Erweckungserlebnisse auslösen können. Ihren Namen hat sie sich aus dem Song „Jockey Full of Bourbon“ von Tom Waits geholt. In einer Zeile des Songs heißt es „Edna Million in a drop dead suit“ –„das hat mich sehr angesprochen“.

Im heurigen Sommer ist sie viel unterwegs und hofft darauf, auch außerhalb des deutschsprachigen Raumes Konzerte spielen zu können. Ihre Songs sind von grenzenloser Güte. „Es ist wie eine Kamera, die nach außen gerichtet ist, aber in den Erzählungen sehr viel von meinem Innenleben verrät.“

Am Beginn ihrer Karriere steht Edna Million. Die 20-jährige Singer-Songwriterin wurde von FM4-Kollegin Katharina Seidler fürs Radio entdeckt. Vorerst gibt es eine selbstbetitelte EP im Eigenverlag, ein Album ist in Arbeit. Ihre dunkle, tiefe, im besten Sinne reife Stimme wird man sich merken müssen. Ihre englischsprachigen Songtexte sind ausgefeilt. Dabei geht sie nicht von eigenen Befindlichkeiten aus, sondern möchte Charaktere zeichnen und Geschichten erzählen.

Dieses Interesse fundiert sie auch wissenschaftlich, derzeit studiert sie in Berlin Historische Linguistik. Den Namen Edna Million hat sie dem Song Jockey Full Of Bourbon ihres Vorbilds Tom Waits entlehnt.

Ihre besondere Stimme hat zu Schulzeiten nicht immer freundliche Reaktionen der MitschülerInnen ausgelöst, etwa wenn sie im Chor bei den tiefen Stimmen mitgesungen hat.

Dass sie mit diesem besonderen Timbre etwas musikalisch Großes anfangen möchte, war ihr immer klar, dafür hat sie auch ein Jahr Gesangsunterricht genommen, um die eigene Gesangsstimme besser einsetzen zu können. Ihr Gitarrespiel dient nur als Mittel zum Zweck, der Ausdruck liegt in der singulären Stimme.